"Die Zeit vergeht so schnell ."

Ein Interview mit Simka Kazazic vom humanitären Frauenkomitee Orahovac

Interviewer Jared Israel Dolmetscher Peter Makara

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Jared: Hat es irgendwelche Verbesserungen in Orahovac gegeben?

Simka: Dort herrscht das totale Chaos. Die deutschen (NATO- oder KFOR-)Truppen sind abgezogen worden, nur die Holländer sind noch da. Die holländischen Truppen sind am 7. Dezember komplett ausgewechselt worden. Eine ganz neue Mannschaft kam.

Ich war dort am Montag, 13. Dezember, vor der Schießerei, dem Mord. Um 3.30 Uhr durfte ich hinein und blieb bis 7.30 Uhr. Es regnete und es gab keinen Strom, wir waren die ganze Zeit über im Dunkeln. Ich besuchte keine anderen Leute, weil meine Mutter krank ist und ich bei ihr bleiben wollte.

Peter: Ich fragte, ob es eine Möglichkeit der Hilfe gebe und Simka sagte, die einzige Möglichkeit, ihrer Mutter zu helfen, sei sie zu evakuieren oder die jugoslawische Armee zurückzubringen.

Simka: Ich fuhr am 13. Dezember mit einem großen Lastwagen voller Hilfsgüter nach Orahovac. Aber wie hätte ich ihr helfen können? Sie ließen sie mich nicht auf den Lastwagen bringen. Sie ist so krank.

Ich verließ Belgrad am Donnerstag und kehrte am darauf folgenden Donnerstag zurück, wobei ich insgesamt 4 Stunden in Orahovac verbrachte. Das Problem war, dass unsere Lastautos mit Lebensmitteln nicht im vorhinein angekündigt waren und daher die KFOR (NATO) Schwierigkeiten machte. Ich musste einige Tage an der Grenze (zwischen Kosovo und Serbien) warten, bis sie uns weiterfahren ließen. Es waren insgesamt sieben Lastautos. Drei davon fuhren nach Veliki Hoce, einem serbischen Dorf in der Nähe von Orahovac.

Jared: Ein belgischer Journalist sagte, das sei auch ein Ghetto, wie das in Orahovac.

Simka: Ja, ja. Es ist ein großes Dorf. Die Schlinge drumherum ist nicht so eng wie die um Orahovac. Auch dort hat es einen Zwischenfall gegeben. Zwei Serben gingen auf einen nahe gelegenen Hügel, um Brennholz zu schlagen, und wurden ermordet. Das war Ende November.

Unsere Lastautos wurden sehr lange außerhalb Orahovac aufgehalten; die Holländer nehmen es wirklich sehr genau mit ihren Inspektionen. Sie öffneten alle Lebensmittelpakete, untersuchten genau die Unterseite der Lastwagen, alles. Sie nahmen mich, den Fahrer und den Regierungsvertreter und fotografierten uns von allen Seiten und durchsuchten uns, und ließen dann nur ein Lastauto nach Orahovac fahren. Wir mussten warten, bis es entladen und zurückgekehrt war. Sie wollten uns einfach in einen erbärmlichen Zustand versetzen, und sie hatten Erfolg damit.

Mein Bruder sagte, die Leute in der Stadt hätten gemeint, die Deutschen seien schlimm, aber die Holländer jetzt sind eindeutig schlimmer.

Die holländischen Truppen waren so verbissen, so feindlich. Und doch, als ich in die Stadt fuhr, passierte ich ein Militärfahrzeug und der Soldat sagte sehr höflich "Guten Abend" - auf albanisch. Er wußte nicht, dass ich Serbin bin. Mein Bruder sagt, die Holländer kämen wunderbar mit den Albanern aus, spielen Fussball mit ihnen und machen Witze.

Als die deutschen Soldaten da waren, montierten sie Stacheldraht rund um unser Ghetto, damit die aggressiven Albaner nicht hereinkommen konnten. Die Holländer haben diesen entfernt und halten auch keine albanischen Autos auf und kontrollieren sie, wodurch Albaner nach Belieben durchfahren können.

Einige albanische Frauen gehen frei herum und schreien Propagandasprüche. Ich selbst habe gehört: "Das ist Großalbanien, hier ist kein Platz für euch. Wir werden euch alle umbringen." Im Sinne der guten Verständigung sagen sie das auf serbokroatisch.

Jared: Fahren diese Frauen in Autos herum?

Simka: Nein, sie gehen zu Fuß. Ich hörte diese Frau gerade vor dem Haus meiner Mutter.

Jared: Sie war vor dem Haus?

Simka: Ja, auf der Straße. Schrie zu uns herauf. Ich wollte zum Fenster gehen, aber meine Mutter sagte: "Bitte geh nicht; so machen sie es. Sie sehen dich am Fenster und schießen auf dich." Ich kannte die Frau, die da so herumschrie. Ich wollte mit ihr reden. Sie stammt aus einer Familie, die ich kenne - vier albanische Brüder. Sie ist die Frau eines davon.

Einige Roma kauften Früchte und Gemüse im albanischen Geschäft, um sie den Serben weiter zu verkaufen. Meine Mutter sagte mir, diese albanischen Frauen hätten sie aufgehalten, ihre Körbe genommen und den Inhalt auf die Straße geworfen und gesagt: "Nicht für die Serben". Es war am hellen Tag. KFOR-Soldaten schauten zu. Sie taten nichts.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Die Serben fühlen sich total verloren. Dieser Zustand dauert jetzt schon sechs Monate und die Menschen sind langsam am Ende ...

Jared: Das ist unglaublich.

Simka: Eine Frau hatte einen Nervenzusammenbruch und wurde in ein Krankenhaus in Nis geschickt. Du kommst hinaus, wenn du einen Zusammenbruch hast oder angeschossen wirst.

Ich versuche, nicht die Hoffnung zu verlieren.

Ich war erstaunt, als (UNO-Kosovo-Chef Bernard) Kouchner vor kurzem sagte, er werde Druck auf die jugoslawische Regierung ausüben, um den Ort herauszufinden, an dem sich zehntausend "vermisste" Albaner aufhielten. Wie willst du den Ort eines Verbrechens finden, das es nicht gegeben hat? Andernfalls, so sagte er, werden die Serben mit Rache zu rechnen haben, da, wie er sagte, Albaner nicht wüßten, wo ihre Brüder und Väter sind. Häuser werden niedergebrannt werden, Menschen ermordet werden - damit ist zu rechnen. So wie die 70 Jahre alte Frau, die vor zwei Tagen zu Tode geprügelt worden ist.

Jared: In Orahovac?

Simka: Nein, in Djakovica, etwa 25 km von hier.

Ich weiß nicht, was mit diesen armen Menschen in Orahovac geschehen wird. Was Kouchner da gesagt hat, ist wie eine Rechtfertigung im vorhinein für Mord. Werden alle Serben ermordet oder wahnsinnig werden?

Peter: Ich glaube sie versuchen die psychologische Kriegsführung zu verschärfen, um Serben dazu zu bringen, in einem "Kriegsverbrecher"-Schauprozess auszusagen. Bis jetzt haben sie noch keine willigen Zeugen gefunden, daher setzen sie jetzt diese armen Menschen unter Druck und wollen einige brechen, damit sie sie als Zeugen verwenden können.

Simka: Ja, das glaube ich auch. Es gibt da ein Gebäude, vor dem Krieg war ein Geschäft darin. Die Serben trafen sich dort, spielten Karten bei Kerzenbeleuchtung, da es keinen Strom gab, saßen also dort beisammen, um die erbärmliche Situation ein bißchen zu mildern. Einige Albaner gingen einfach hinein, beschossen die Kartenspieler mit Maschinenpistolen, warfen zwei Bomben und gingen wieder. Neun Menschen wurden verwundet, einer starb.

Jared: War das Zoran Vuksovic?

Simka: Ja, ich kannte ihn gut. Er war mein Freund.

Jared: Tut mir sehr leid.

Simka: Drei Menschen wurden schwer verwundet, fünf leicht. Aber es war ein großes Haus, in anderen Teilen hielten sich Frauen und Kinder auf. Glücklicherweise wurden sie nicht angegriffen. Es geschah um 7.30 Uhr. Da ist es schon finster. Sie gingen einfach hinein.

Jared: Wie Gangster.

Peter: Die wirklichen Gangster sind wohl die, die dieses Ghetto verteidigen. Oder besser gesagt, nicht verteidigen. Wenn sie es verteidigten, würden sie diese Banditen nicht hineinlassen.

Simka: Es passiert auch am hellen Tag. Albaner fahren einfach durch. Die KFOR tut gar nichts.

Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Wir hofften, es würde besser werden, als die holländischen Truppen am 7. Dezember durch neue abgelöst worden sind. Aber es schaut so aus, als würde jede neue Gruppe zuerst indoktriniert. Das sind junge Menschen, vielleicht noch nicht einmal 20 Jahre alt, brauchen sich vielleicht noch gar nicht rasieren. Sie haben keine Erfahrung. Wer weiß, was diesen für Schauergeschichten über Serben erzählt werden? Sie haben einen so grimmigen Ausdruck auf ihren Gesichtern. Angst und Hass.

Ich hatte einige Hoffnungen. Immer habe ich gehofft, die Dinge würden anders werden ... aber. Jetzt weiß ich nicht ...

Jared: Nach unserem letzten Gespräch habe ich erwartet, wir hier im Westen, in den USA und Europa, könnten mehr erreichen als wir tatsächlich erreicht haben. Ich dachte, wir hätten bereits zum jetzigen Zeitpunkt eine Delegation nach Orahovac schicken können. Auch das war nicht möglich. Wir werden Wege finden müssen, diese Situation den Leuten hier effektiver nahezubringen.

Simka: Bitte versteh mich nicht falsch - ich habe nicht dich und die anderen Leute gemeint, als ich sagte, ich sei enttäuscht. Ich dachte, die KFOR würde vernünftiger handeln. Aber die Situation wird schlimmer - du kannst verstehen, es geht um meine Familie. Natürlich bin ich subjektiv.

Jared: Es ist so auf der Welt, dass das quietschende Rad das Öl bekommt. Daher müssen wir lauter quietschen, die Aufmerksamkeit der Menschen erreichen.

Einiges ist ja schon geschehen. Orahovac kam im englischen Parlament zur Sprache durch die Abgeordnete Alice Mahon. Tony Benn, auch ein britischer Abgeordneter, hat das Außenministerium damit befasst. Es wurde darüber ziemlich eingehend in der holländischen Presse berichtet, auch das Interview mit dir kam. Es tut sich auch etwas im EU-Parlament. Aber es muss noch viel mehr getan werden. Die Interviews mit dir sind rund um die Welt gelesen worden.

Wir müssen den Menschen klar machen, dass das ein Skandal ist. Ein erschreckender politischer Skandal. Eine Reihe NATO-Regierungen sind beteiligt: an erster Stelle die niederländische und die deutsche Regierung, die britische, da die Briten in Pristina sitzen, die Amerikaner, Kouchner von der UNO - der steht sich´s ja besonders gut mit dem US-Kommando - sie alle haben schmutzige Hände. Bringen wir mehr Licht in diese Finsternis. Sie sollen diese empörende Angelegenheit erklären.

Simka: Wenn ich diese harten holländischen Soldaten so anschaue . ihre Gesichter sind so verbissen. Was hat man ihnen über uns gesagt?

Jared: Ich möchte während ihres Trainings gerne eine Fliege an der Wand sein. Hast du gesehen, wie es bei den Demonstrationen in Seattle zugegangen ist?

Simka: Ja, ich sah es im Fernsehen. Ich sagte zu meinem Mann: "Schau! Demokratie!"

Jared: Einige Leute wiesen darauf hin, das US-Bundesbeamte Vorbesprechungen mit der Polizei von Seattle abgehalten haben. Sie sagten diesen Polizisten, sie rechneten damit, dass die Demonstranten sieben von ihnen umbringen würden. Dann hetzten sie sie auf diese jungen Leute.

Simka: Vielleicht sagen sie den holländischen Soldaten das gleiche über uns. Vielleicht.

Ich mache mir große Sorgen um die Menschen in Orahovac. Etwa die Hälfte von ihnen ist noch dort. Sie frieren, sie sind halb verhungert, sie sind praktisch ohne Strom und werden von Albanern attackiert, ohne dass die KFOR irgendetwas dagegen unternimmt. Werden sie alle ermordet werden? Sie sind bereits halb verrückt von alledem. Zwei Monate ohne Hilfe von außen.

Dieser Konvoi ist die erste Hilfe seit zwei Monaten. Die Zeit vergeht so schnell.

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Siehe auch: "Die Frauen von Orahovac antworten dem Colonel".

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