Aus dem Kosovo vertrieben

Interview mit Cedda Prlincevic, Direktor des Kosovo-Archivs und Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Pristina

aus dem Englischen von Hartmut Gehrke-Tschudi

(Hinweis des Übersetzers: Das folgende Interview wurde auf Englisch geführt, was offenbar nicht die Muttersprache von Cedda war. Im Verlauf des Gesprächs kam es manchmal, zu Unbeholfenheiten des Ausdrucks, die sich leider nicht ins Deutsche übertragen ließen, ohne künstlich zu wirken, die dem Verständnis und der Atmosphäre aber geholfen hätten. Ich habe mich also darauf beschränkt, im Deutschen eine einfache Ausdrucksweise zu wählen und hoffe, so dem ganzen am besten zu dienen.)

Das Interview besteht aus 2 Teilen und wurde zu verschiedenen Zeiten geführt.

Jared Israel führt das Interview im ersten Teil

Beachten Sie, daß KFOR eigentlich NATO bedeutet. (=K-osovo For- ce, =dt.: die Kosovo Truppe der NATO)

Erster Teil

Jared : Sie sind also der Präsident der jüdischen Gemeinde in Pristina?

Cedda: Es war eine kleine Gemeinde. Wir sind alle weg gegangen.

Jared: Warum?

Cedda: Weil die politischen Regelungen auf eine militärische Lösung hinausliefen. Es gab Druck auf die Bürger. Sie fragten nicht, welcher Nationalität man war, man wurde genötigt, die Wohnung und die Stadt zu verlassen. Obwohl ich ein Dokument in Englisch besass, in dem stand, daß ich Präsident der jüdischen Gemeinde in Pristina war, das vom Präsidenten des Verbandes der jüdischen Gemeinden Belgrad, Herrn Singer, unterzeichnet war, weigerten sich die Offiziere der KFOR [NATO], das Papier anzuerkennen, und ich wurde eine Woche lang in meiner Wohnung gefangen gehalten. Ich habe es einem anderen KFOR Offizier gegeben - später, aber der meinte: "Ich habe etwas anderes zu tun." Die Kräfte aus Albanien kamen ins Land hinein. Ihr Hauptanliegen war, die ganze nicht-albanische Bevölkerung herauszubekommen. Mit Hilfe von "Eliz Viza" aus Israel und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Skopje wurde ich gerettet, zusammen mit meiner Frau und meiner Mutter im Taxi nach Mazedonien gebracht und von Mazedonien nach Belgrad. Die ganze Rettungsaktion meiner Familie wurde an das israelische Fernsehen übergeben. Insgesamt lebten im Kosovo 40 Menschen jüdische Abstammung. Sie waren aus gemischt jüdisch-albanischen, jüdisch-türkischen und jüdisch- serbischen Ehen. Alle sind darauf vorbereitet, nach Israel zu gehen. Für uns ist es zu spät, in den Kosovo zurückzukehren. Obwohl wir von Thaci, dem Chef der UCK eine Garantie erhalten haben, daß unsere Häuser nicht angerührt würden, haben wir Nachrichten, daß alle unsere Wohnungen und Häuser völlig ausgeraubt und demoliert sind. Das bedeutet, daß die UCK und Thaci keine Kontrolle über die Lage haben.

Jared: Oder, daß sie lügen. Was machten sie in Pristina?

Cedda: Ich war Angestellter im öffentlichen Dienst, Direktor der Archive von Kosovo und Metohija. Dort befinden sich Dokumente, die die Geschichte der Serben, der Türken, Albaner und Juden und wer sonst noch im Kosovo gelebt hat, erzählen und des Systems, das damals war.

Jared: Gab es Ihnen gegenüber je Antisemitismus von Serben?

Cedda: Nie. Auch nicht von den Albanern. Ich war Vorgesetzter sowohl von Albanern als auch Serben. Wir wurden nicht durch Albaner aus Pristina aus dem Kosovo vertrieben, sondern von Albanern aus Albanien.

Jared: Mit anderen Worten, viele der Menschen, die wir (auf den Bildern) den deutschen Truppen auf der Straße zujubeln sahen, waren nicht Leute vom Ort?

Cedda: (Es waren) die gleichen Leute, die vor ein paar Jahren in Albanien demonstriert und das ganze Land zerstört haben - die sind jetzt im Kosovo.

Jared: Wurden sie (die Albaner d.Ü) absichtlich von der KFOR hereingebracht?

Cedda: Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Jared: Sagen wir es so: sie wurden nicht aufgehalten?

Cedda: Niemand hält sie auf. Und eigentlich (geschieht es) mit Unterstützung der KFOR. Die KFOR sind da, haben alles mit angesehen und alles zugelassen.

Jared: Wie ging das vor sich? Kam es zu Drohungen, worauf Sie sich an die KFOR wandten, und sagten die Ihnen dann "wir helfen Ihnen nicht?"

Cedda: Die Albaner kamen zu uns nach Hause und drohten damit, uns zu töten. Sie sagten, sie würden uns abschlachten. Meine Frau hat mich geschützt. Meine Frau ist Serbin. Und sie hat mich vor der Wohnungstür verteidigt.

Jared: Wie hat sie das gemacht?

Cedda: Sie sagten, daß sie uns abschlachten würden, und sie sagte zu ihnen: Bringt mich um! Schlachtet mich ab! Ich werde nicht aus meiner Wohnung gehen!" Dann kamen Vertreter der jüdischen Gemeinde und steckten mich in ein Taxi.

Jared: Ihre Frau ist sehr mutig. Ihre Erzählung hat bewirkt, daß mir Tränen in die Augen kommen.

Cedda: Mir ergeht es genau so. Sie ist sehr mutig und ich bin stolz auf sie.

Jared: Nun gut. Zurück zu den Leuten, die an Ihr Haus kamen. Hatten Sie diese Leute je vorher gesehen?

Cedda: Nie.

Jared: Waren die Leute bewaffnet?

Cedda: Mit Maschinenpistolen. Sie haben das Gebäude und die ganze Gegend, wo wir wohnten, geputzt. (Das Interview wurde telefonisch auf Englisch geführt. Cedda gebraucht hier fälschlich das Wort "cleared up" statt "cleared", was zu der folgenden Rückfrage führt. d. Übers.!)

Jared: Geputzt?

Cedda: Die ganze Gegend, mit 30.000 Menschen, haben sie vollständig "gesäubert".

Jared: 30.000? Völlig geleert?

Cedda: Völlig. Von Haus zu Haus und Wohnung zu Wohnung.

Jared: Haben Sie jemand getötet?

Cedda: Anfangs eine Familie namens Kompic, eine serbische Familie. Für uns war das ein offensichtlicher Grund, keinen Widerstand zu leisten.

Jared: Mit anderen Worten: Sie machten eine Familie zum Exempel und sagten dann, "wenn Sie auch sterben wollen "

Cedda: Sie hämmerten die ganze Nacht durch an die Türen, schlugen sie ein, drangen in eine Wohnung nach der anderen ein.

Jared: Waren das Eigentumswohnungen?

Cedda: Appartement-Wohnungen. Viele der Leute, die da wohnten, bekleideten in der Stadt herausragende gesellschaftliche Stellungen. Selbst Albaner, die in den gleichen Häusern wohnten, mussten davonlaufen. Es lebten nicht nur Serben dort;die Nationalitäten lebten alle gemischt . Das war in der Geschichte des Kosovo bisdahin völlig unbekannt. Da der Kosovo eine multinationale, multi- konfessionelle [d.h., multi-religiöse) Gesellschaft war, die 500 Jahre zusammengelebt hat, gab es nie einen solchen Grad an Hass wie jetzt.

Jared: Aber Sie sagen, daß in großer Zahl Albaner aus Albanien hereingeschickt wurden?

Cedda: Das ist ein Pogrom gegen die nicht-albanische Bevölkerung überall im Bezirk Kosovo, Djakovica, Pec, Kosovska, Microvica, ganz Metohija. Metohija und Kosovo, beide.

Jared: Aber es wird nicht von den dort ansässigen Albanern betrieben?

Cedda: Nein, durch fremde Albanier. Sie unterscheiden sich in der Sprache. Im Dialekt. Es ist im gazen Kosovo das Gleiche. Ich kann nicht 100%ig sagen, dass es ausschließlich Albaner aus Albanien machen. Aber ich habe keine Racheakte an Menschen der Nachbarschaft durch hiesige Albaner gesehen.

Jared: Haben Sie versucht, zur KFOR zu gehen?

Cedda: Die KFOR war in meiner Wohnung, als die Albaner kamen.

Jared: Wie bitte?!

Cedda. Als die Albaner damit anfingen, Wohnungen zu zerstören, hat jemand die KFOR gerufen und ein KFOR Offizier kam ins Haus. Er war da mit seiner Truppe. Eine Schar von Leuten liefen die Treppen rauf und runter, 24 Stunden lang Druck von Leuten, die Treppen rauf und runter rannten, an Türen hämmerten, in Wohnungen drangen, sie demolierten. - Sie treten die Tür ein, versprühen in manchen Wohnungen Tränengas und räuberten -

Jared: Wie bitte?

Cedda: Rauben, sie raubten.

Jared: Aber sie sagten doch, die KFOR Leute waren da? Haben die das alles beobachtet?

Cedda: Ja.

Jared: Was sagten sie?

Cedda: Sie haben überhaupt nicht reagiert. Sie haben niemanden beschützt.

Jared: Um Himmels Willen, was sagten sie denn?

Cedda: Sie sagten: dafür sind die zivilen Behörden zuständig, das zu regeln. Sie waren nur interessiert an Tötungen.

Jared: Wer waren die zivilen Behörden?

Cedda: Die waren noch nicht gebildet. Es gab keine.

Jared: Woher wußten Sie, ob Sie umgebracht werden sollen, wenn jemand an die Tür hämmerte? Vermutlich nachdem Sie umgebracht worden wären, hätten sie's gewußt?

Cedda: Ja. Sie waren einfach da, zu dokumentieren, falls man ermordet worden wäre.

Jared: Also. Archivisten?

Cedda: Ja. Letzten Monat passierte eine Reihe von sehr schweren Verbrechen und Morden im Kosovo. Anstelle von "europäischer Demokratie" kriegten wir eine undefinierbare Form von Gewaltausübung und - Gewalt ist nicht das richtige Wort...

Jared: Faschismus?

Cedda: Nein, nicht Faschismus. Zwang. Macht. Vermutlich werden die Historiker dafür ein neues Wort erfinden.

Jared: Ein neues Wort wäre nötig.

Cedda: Juden haben das Wort Pogrom dafür.

Jared: Ja, ein Pogrom, das ist richtig. Es ist ein Pogrom. Blinde Brutalität gegen eine Gruppe - in dem Fall gegen alle, die - aber warten sie, sie sagen, daß auch Albanier betroffen waren -

Cedda: Die Bevölkerung hat von der KFOR erwartet, dass sie wirklich für Sicherheit sorgt und das war der Grund, warum die Leute von da, wo sie lebten, nicht weg gingen!

Jared: Ach, mein Gott! Sie haben sich aufgeregt.

Cedda: Und was uns am meisten erstaunt hat, war, daß sie anstatt die Bevölkerung zu verteidigen, einfach daneben standen und zusahen, wie wenn nichts wäre. Im Juni und Juli verließen 300.000 Menschen den Kosovo, Nicht-Albaner, Serben, Türken, Goraner (slawische Muslime), "Zigeuner", die Roma also, auch Leute von Montenegro. 300.000!

Jared: was war mit - Sie sagten, Albaner aus dem Kosovo wären auch bedroht worden?

Cedda: Ja. Solche die pro-jugoslawisch orientiert waren, die loyale Bürger des Systems waren.

Jared. Also wurden die Leute, die dort wohnten...

Cedda: Sie wußten es von daher, was die Leute arbeiteten.

Jared: ... also wurden die Menschen, die mit Ihnen in der Gegend wohnten, von diesen Gangs als Kollaborateure angesehen, weil sie in einem gemischten Gebiet wohnten.

Cedda: Nein, es war eine Machtfrage.

Jared: Ich vestehe Sie nicht ganz.

Cedda: Sie griffen die an, die nicht für ihre separatistische Bewegung waren. Keine Unterstützer der Separatisten.

Jared: Also wußten die, in welcher Gegend...?

Cedda: Ja. Sie wußten es. Jeder loyale Bürger Serbiens wurde bestraft. Egal zu welcher Partei er gehört. Opposition oder Regierungspartei, das ist egal. Unterschiedliche Parteien haben unterschiedliche Ideen und unterschiedliche religiöse oder nationale Eigenarten aber -

Jared: Darum haben die sich nicht gekümmert?

Cedda: Nein. Sie haben den Plan eines Groß-Albanien im Kosovo vollzogen. Aus dem II. Weltkrieg, - des Faschismus.

Jared: Während der Bombardierung sprach die US - Presse von Angriffen der Serben auf die Albaner. Was haben sie gesehen?

Cedda: Der Krieg war sehr schmutzig, zwischen der Armee und den Sezessionisten (= die Gruppierungen der UCK, die für eine Lostrennung des Kosovo von Jugoslawien kämpfen. d. Übers.) ... 35 Mitglieder meiner Familie sind jetzt hier bei mir. Ebenso meine Mutter und eine schwangere Frau - im 8. Monat. Zwanzig von uns sind ohne Arbeit, haben alles im Kosovo zurückgelassen, 7 Wohnungen und drei Häuser, die wir besessen haben, etwas Land. Und mein gesamtes Leben, mein gesamtes Lebenswerk. Ich sitze hier ohne einen Pfennig. Ich hatte keine Zeit. Ich war auf Weggehen nicht vorbereitet. Ich hatte nicht einmal einen Koffer, den ich hätte packen können.

Jared: Also sind, nach allem, was sie wissen, einige Leute auch nicht herausgekommen, und ermordet worden. Ist das wahr?

Cedda: Ja. Alles was ich mitbrachte, war der Talmud, meine Mutter Bea, sie ist 81 Jahre alt und meine Frau. Ich wäre lieber in Serbien geblieben. Erstens ist es ein Problem mit meiner Mutter. Sie ist alt und krank, was soll ich mit ihr in Israel? Ich liebe Israel, ich war oft da, aber es ist sehr schwer für mich, mit 61 dort Fuß zufassen.

Jared: Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute

Cedda: Vielen Dank.

Jared: Danke, daß Sie so mutig waren und mir das Interview gegeben haben.

Cedda: Es ist schwer, aber wir müssen die Wahrheit erzählen. Ich denke, daß Menschen mit gutem Herzen und guten Willen dieses Interview im guten Sinn aufnehmen werden.

Jared: Das hoffe ich.

Cedda: Und dieses Interview sollte der Beginn einer anderen Denkungsart werden, und niemand sollte in seinem Leben mehr Opfer werden.

Jared: Ich stimme Ihnen zu.-- Vorhin stellte ich ihnen eine Frage, aber sie haben nicht darauf geantwortet. Die Presse sagte, daß die jugoslawische Armee während der Bombardierung Greueltaten gegenüber den Albanern begangen habe. Sie sagten, daß der Krieg schmutzig war. Können Sie uns mehr sagen?

Cedda: Warum? Selbst wenn ich darüber sprechen würde, niemand glaubt den Serben. Selbst wenn ich sage: nein, das hat es nicht gegeben, würde niemand den Serben glauben.

Jared: Aber ich weiß nicht genau, was passiert ist. Wir müssen es genauer wissen -

Cedda: Selbst wenn ich sage: nein, -- selbst wenn ein Jude, der aus Pristina kommt, sagen würde: dieser Vorwurf ist nicht wahr, ist es sehr schwer zu glauben, denn er könnte jemand sein, der seine Gründe hat ... er könnte angeschuldigt sein...

Jared: Und wenn schon! Die wollen ihnen also nicht glauben! Sollen sie doch glauben, was sie wollen! Aber wenn Sie die Wahrheit aussprechen, dann ist sie wenigstens gesagt! Sehen Sie nicht ein, daß die Wahrheit ...

Cedda: Ich war in den Kämpfen zwischen Armee und UCK überhaupt nicht dabei.

Jared: Aber sie waren in Pristina. Sie sind der Chef-Archivar des Kosovo. Und sie wissen etwas! Ich bin ganz sicher! Sie wissen, ob da Leute herum gegangen sind, die andere massakriert haben. Sie wissen von albanischen Freunden, was los war. Sie wissen, ob die Armee darin verstrickt war, ob CNN die Wahrheit gesprochen oder gelogen hat. Sie wissen tausendmal mehr, als ich. Wenn sie einfach die Wahrheit erzählen - jemand muß doch die Wahrheit erzählen in Gottes ...

Cedda: Gut.

Jared: Und wenn schlimme Dinge passiert sind, sagen sie es - erzählen sie einfach die Wahrheit!

Cedda: Es sind schlimme Dinge passiert. Aber die Serben als Volk, als Nation haben niemals, von Anbeginn der Geschichte bis zum heutigen Tag, rassistische Grausamkeiten begangen. Aber es gab Einzelne, die gewisse Dinge gemacht haben, die nicht getan werden sollten. Aber jemand greift sich das heraus, übertreibt es und versucht, uns zu schwarzen Schafen zu machen und - sehen Sie, die Serben hatten keine Schwierigkeiten mit Menschen albanischer Abstammung und genauso, wie sie Albaner gerettet haben, so haben Albaner Serben gerettet, besonders in der letzten Zeit, aber sowie die KFOR ins Land kamen und die Grenzen nach Mazedonien und Albanien geöffnet wurden, kamen viele auswärtige Albaner mit herein und auf einmal ist alles fürchterlich durcheinander, und es geschieht Mord und Totschlag. Also, was ich sage, ist, daß es während der Bombenangriffe dort, wo die Menschen wohnten, keine Massaker durch die dortige Bevölkerung gab. Die Serben schützten die Albaner vor den paramilitärischen Gruppen.

Jared: Nicht vor der jugoslawischen Armee? Mußten sie sie nicht vor der Armee verteidigen?

Cedda: Nie vor der Armee, nie vor der Polizei, nie vor den regulären Serben. Nein. Aber mit dem Rückzug der Armee gab es paramilitärische Gruppen auf beiden Seiten - und da wurde es schmutzig.

Jared: Aber während der Bombardierung?

Cedda: Da gab es überhaupt keine Massaker. Zum Beispiel saßen wir in Pristina zusammen mit Albanern im Keller, im Untergeschoß.

Jared: Durch Bomben?

Cedda. Durch Die NATO. Wir alle zusammen, "Zigeuner", das sind die Roma, Serben, Türken, Albaner, Juden, die Mieter eines Hauses. Zusammen. Wir waren zusammen.

Ende des ersten Teils.

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Zweiter Teil

Später wurde ein weiteres Interview von Jared Israel und Nancy Gust geführt; Nancy übt von Berufs wegen Menschen in Interview-Techniken ein. Die Absicht war, verschiedene Fragen zu klären. Die aufschlußreichste Information über die Rolle der NATO-Truppen befindet sich im hinteren Teil des Interviews.

 

Jared: Sie sagten, daß viele Albaner vor der UCK, vor den Banden flohen. Wissen Sie, wie viele?

Cedda: Zehntausende. 15.000 gingen in die Vojvodina, 30.000 nach Belgrad, sehr viele.

Jared: Woher wußten die Banden, die Häuser angriffen, wen sie vertreiben sollten?

Cedda: Sie hatten Beweise, wer wer war. Sie kamen auch in die Büros. Es wurden Leute aus den Büros vertrieben. Alle Regierungseinrichtungen wurden besetzt. Die Gangster kamen zur Arbeitsstelle, ob das städtische Behörden, Gerichte, Universitäten oder sonstige öffentliche Einrichtungen waren wie Post und Stadtverwaltung. Sie übernehmen die Gebäude und bringen die Leute raus. Sie besitzen ein Verzeichnis darüber, wer dort arbeitet.

Jared: Durfte irgend jemand von denen, die mit Ihnen dort im Haus wohnten, bleiben?

Cedda: So viel ich weiß, ist in dem Haus, wo ich wohnte, niemand mehr. Wer sich widersetzte, wurde niedergeschossen.

Nancy: Wissen Sie, wie viele Leute erschossen wurden?

Cedda: Zum Beispiel fanden sie heute eine Dame im Badezimmer erhängt. Ljubica Bujouic.

Nancy: War sie aus Ihrem Wohnblock?

Cedda: Heute wurden zum Beispiel zwei Dörfer vollständig vertrieben. Sie gingen nach Serbien.

Nancy: Geschah das mit der ermordeten Frau in Ihrem Wohnblock? Woher wissen Sie, dass sie dort gefunden wurde?

Cedda: Es war eine offizielle Ansage im TV; aber ich kannte sie. 4500 Morde im Kosovo seit der Ankunft der KFOR Truppen.

Nancy: Entsprechend welchen Angaben?

Cedda: Entsprechend den Meldungen des Medienzentrums von Pristina. Es nennt sich "Zentrum für Toleranz und Gemeinschaft".

Jared: Gab es in Ihrem Wohnblock noch weitere Morde?

Cedda: Mehrere. Sicher weiß ich es nicht, weil eine Mehrheit ging. Die, die sich widersetzten, wurden getötet.

Jared: Wieviele Angreifer waren es?

Cedda: Sehr viele. Sie gingen den ganzen Tag lang auf und ab. Schwer zu sagen, wie viele. Das Haus selbst hatte 11 Stockwerke und 20 Eingänge. Es ist ein großes Gebäude.

Jared: Wurde dieses Gebäude ausgesucht?

Cedda: Sie nahmen sich das ganze Gebiet von Neubauten vor, die 1990 gebaut und 1995 fertiggestellt worden waren, nach unseren Standards sehr luxuriöse Wohnungen, luxuriöse neue Gebäude, Eingangshallen, alle möglichen zusätzlichen Einrichtungen.

Jared: Waren alle Leute, die dort wohnten Regierungsangestellte?

Cedda: In der Gegend wohnte die städtische Elite. Die Mehrzahl der Universitätsprofessoren und Manager verschiedener staatlicher Einrichtungen und öffentlicher Betriebe, Doktoren, Ärzte, Richter.

Nancy: Jemand könnte argumentieren, dass es sich, da es luxuriöse Wohnungen und die Elite betraf, lediglich um großangelegten Straßenraub handelte.

Cedda: Sie können das nicht Raub nennen, da sie uns ja heraus holten und selber in die Wohnungen gingen, sie besetzten die Wohnungen. Wir warten jetzt auf eine von den Vereinten Nationen einzusetzende zivile Regierung, damit diese die Kontrolle übernimmmt. Aber wir glauben kaum, daß wir noch einmal zurückkehren können, obwohl man uns dazu eingeladen hat. Wir denken, dass das, was jetzt geschieht, von den zivilen Behörden,wenn sie kommen, legalisiert werden wird, und wir erwarten eine große Einwanderung von Albanern, die jetzt in Europa leben, aus der Schweiz, wo sehr viele sind, aus Frankreich, aus London. Und sie werden aus Albanien kommen. Sie sind schon da.

Nancy: Haben Albaner die Wohnungen besetzt, während Sie noch da waren?

Cedda: Sie können das nicht Raub nennen. Denn Raub ist es dann, wenn ich nicht zu Hause bin, und jemand kommt herein und nimmt meinen Fernseher mit. Stimmt es? Das ist Raub. Aber ist das Raub, wenn Sie in die Wohnung kommen und mich aus der Wohnung hinauswerfen? Das ist nicht Raub, das ist völlige Anarchie außerhalb des Systems. Jemand dringt mit Gewalt ein, schmeißt Sie raus, geht hinein und lebt dort? Kommt nicht einfach nur dorthin, bleibt ein paar Stunden, trinkt Kaffee und Whisky. Und für das ganze Eigentum darinnen wird nicht garantiert! Das ist wie die Besetzung eines Landes, wenn eine Wohnung mit Gewalt besetzt wird!

Jared: Sie sagten, dass Sie während einer Woche in ihrer Wohnung eingesperrt waren und nicht heraus kamen. War das in der Zeit, als diese Banden herum marodierten?

Cedda: Ja, in der ersten Woche als die KFOR kam, war ich in der Wohnung eingeschlossen, ohne die Möglichkeit hinauszugehen, weil eine große Zahl Albaner hereingekommen waren und ich Angst davor hatte, den Ort zu verlassen.

Jared: Waren sie über das ganze Haus verteilt?

Cedda: Nein, nein, über die Stadt. Über Pristina. Die KFOR war sehr mit dem militärischen Rückzug der jugoslawischen Armee beschäftigt und hat auf die Zivilisten nicht achtgegeben.

Jared: Zu welchem Zeitpunkt kamen die Banden. Sofort, oder erst nach einigen Wochen?

Cedda: Zusammen mit ihnen. Anders gesagt, die KFOR kam und mit ihnen die Banden.

Jared: Wann haben sie den Block angegriffen?

Cedda: Sofort. Als die Russen vor den Briten zum Flughafen Pristinas kamen, dachten die Leute, daß die sie schützen würden. Aber dem war nicht so.

Nancy: Wie lange dauerte es, bevor ihr Appartementkomplex angegriffen wurde? Und wann wurde er angegriffen?

Cedda: Den selben Tag, als die Briten meinen Stadtteil betraten, fingen die Banden damit an, verschiedene Gebäude in dem riesigen Gebiet anzugreifen. Es ist ein Stadtteil von Pristina und heißt "Milana".

Nancy: Wollen Sie sagen, dass die Banden physisch leibhaftig zur selben Zeit und am selben Ort wie die britische Soldaten ankamen?

Cedda: Ja. Die Antwort ist, ja. Sie kamen zusammen, sie gingen zusammen über die Grenze, zusammen über die Landstraßen, zusammen über die Straßen. Ja!

Nancy: Kamen sie einfach parallel, zur gleichen Zeit aber unabhängig? Cedda: In verschiedenen Gruppen - nicht Arm in Arm - sie kommen und gehen, sind da und dort,- sehr oft sehen sie sie zusammen, miteinander, aber jede gehört einer anderen Organisation an.

Nancy: Aber Sie haben sie miteinander gesehen.

Cedda: Ja, ja! Eine Bande kommt zum Beispiel vors Haus und ein Mieter ruft die KFOR. Die KFOR kommt, geht um das Haus herum. Dann geht KFOR wieder und die Kerle gehen wieder auf und ab. Nancy: Verschwanden die Albaner, als sie die KFOR riefen?

Cedda: Nein sie blieben. Sie gingen nicht weg.

Nancy: Sie sagen, die Banden wären eingebrochen, in die Wohnungen gegangen, Leute hätten die KFOR gerufen, die KFOR wäre gekommen und hätte nichts getan?

Cedda: Wissen Sie es gab manchmal lustige Situationen. Da kam die KFOR und da sagten sie, die Albaner, " wir haben keinen Platz, wo wir heute nacht schlafen können." da sagt die KFOR: "gut, dann bleiben Sie zusammen mit dem Mieter in der Wohnung."

Jared: Im selben Appartement mit den Leuten, die sie versucht haben, hinauszuwerfen?

Cedda: Ja.

Jared: Stimmt das?

Cedda: Ja, ja. Ja, das wars, was sie vorgeschlagen haben! Und die Albaner und die Serben, oder wer gerade da war, sind zusammen im selben Gebäude, in der selben Wohnung und dann sagen die Gauner, wenn Du die Wohnung nicht innerhalb der nächsten zwei drei Stunden verlassen hast, dann bringen wir dich um, schlachten wir dich ab!

Nancy: Können Sie diese Leute näher beschreiben? Waren sie nicht aus dem Kosovo, haben sie sich irgendwie zu erkennen gegeben?

Cedda: Nur indem sie bewaffnet waren und die Macht hatten. Bestimmt machen sie ein ethnisch reines Kosovo.

Nancy: Als diese Leute ins Haus kamen und sie bedrohten, haben sie da die KFOR gerufen?

Cedda: Die war schon im Haus. Als die Albaner kamen, war die KFOR schon da. Ein Nachbar, ein Doktor, war gelaufen und hatte die KFOR Soldaten gerufen, damit sie den Ort schützten.

Jared: Haben Sie mit ihnen gesprochen?

Cedda: Ja

Nancy: Wissen Sie den Namen der Person, mit der sie gesprochen haben?

Cedda: Der Kerl, der Soldat stellte sich als Major der britischen Armee vor. Als ich ihm meine Papiere zeigte, sagte der Soldat: "schon gut, ein ander Mal."

Nancy: Ein ander Mal?

Cedda: In den Papieren stand, daß ich der Präsident der jüdischen Gemeinde von Pristina war. Der Soldat blickte nur kurz hin und sagte: "ein ander Mal," so als ob er keine Zeit hätte, damit belästigt zu werden. "Belästigen Sie mich jetzt nicht damit."

Jared: Kam er mit einem Trupp Soldaten oder allein?

Cedda: Mit seiner Truppe.

Nancy: Haben diese Truppen irgend etwas gemacht?

Cedda: Wenn sie mir geholfen hätten, wäre ich dann hier?

Jared: Nehmen Sie uns bitte die Fragen nicht übel. Wir fragen deswegen so detailliert, um die klarsten Antworten zu bekommen.

Cedda: Nicht nur ich habe gelitten sondern tausend andere auch. Leute im Alter von 80 Jahren - und aus ihren Häusern vertrieben! Und sie tun es immer noch. Tag für Tag. Es geht immer so weiter.

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